Marmolada und mehr

Winterbergsteigen hat im Verein eine lange Tradition, auch wenn der Teilnehmerkreis oft überschaubar ist. Das hat viele Gründe. Die Suche nach einem geeigneten Ziel und Temin gestaltet sich zumeist schwierig, da man Ostern berücksichtigen muß. Dazu kommen Wetter und Lawinenlage. So sind wir in den letzten Jahren mehrfach in den Frühlingsbeginn geraten, wo die Nullgradgrenze binnen weniger Tage auf über 3000 oder gar 4000 Meter gestiegen ist. Diese Jahr war es besonders kompliziert, weil der Winter in den Alpen sehr schneearm war. Schneearme Winter sind besonders lawinengefährlich. Wenig Schnee setzt sich schlechter! Dazu kam aus dem Frühwinter eine Schwachschicht im Altschnee, die den ganzen Winter die Lawinengefahr dominiert hat. Solche Situationen sind auf Tour selbst für Experten schlecht einzuschätzen, außerdem sind Lawinen im Altschnee tendenziell größer. (Eine sehr gute Darstellung der Altschneeproblematik bieten zwei Beiträge im jüngsten Heft von Berg und Steigen.)
Wir (Henrik und ich) haben uns dann entschieden, kein Risiko einzugehen und vom Zeltplatz in Canazei aus Tagestouren zu unternehmen.


Also sind wir am Donnerstag nach Ostern dort aufgeschlagen. Zwei Botschaften hatte man für uns, eine gute und eine schlechte. Die gute war, wir waren die ersten in diesem Jahr mit einem Zelt, eine Jahreserstbegehung sozusagen, die schlechte, daß der Zeltplatz schon am Sonntag wegen Saisonschluß bis zum 29.5. schließen sollte, wir aber bis zum Montag bleiben wollten. (Im italienischen Campingführer steht im Widerspruch dazu: Aperto tutto l’anno) Zum Glück hat man uns bis Montag bleiben lassen und auch den Waschraum nicht zugeschlossen. Überhaupt waren die Bürgersteige in Canazei schon hochgeklappt, da die Ferien in Italien nur bis zum Dienstag nach Ostern gingen. Viele Hotels und Restaurants waren schon verrammelt, und am Sonntag war dann mit dem Ende des Skibetriebs endgültig Feierabend.

Unsere erste Tour sollte uns auf die Marmolada führen. Im Herbst 2012 waren wir schon mal unter eher winterlichen Bedingungen über den Westgrat aufgestiegen. Dieses Mal sollte es die Nordflanke sein. Die eigentliche Herausforderung erwartet einen gleich zum Beginn: Einsteigen in den Korblift vom Fedaia-See zum Pian Fiacconi. Wir sind von dort in die Nordwand gequert und dort bis unter die Felsen gegangen. Im steilen Firn rechts querend sind wir dann auf den Gipfelhang und zum Gipfelkreuz gelangt.


Ich war ja schon auf einigen Alpengipfeln mehrfach. Offenkundig gibt es ein Naturgesetz: Entweder man hat immer gute Sicht, oder nie. Die Marmolada gehört zur ersten Kategorie. Da die Marmolada der höchste Dolomitengipfel ist, freut man sich besonders. Markant sind Ortlergruppe und die anderen hohen Dolomiten-Gipfel (Langkofel, Sella, Pelmo, Antelao, Civetta, Palagruppe). Allerdings war am Nachmittag schon zu sehen, daß sich das Wetter verschlechtern wird. Sich für den kommenden Tag große Touren vorzunehmen, war also nicht angesagt.

Wir haben uns also entschieden, es einmal mit Klettern zu versuchen. Wir sind dann am nächsten Tag zum Sella-Paß gefahren, um an die Sella-Türme zu gehen. Vormittags war noch Sonne. Nachdem der Zustieg im feuchten Schnee nicht trivial war, sind wir am Zweiten Sellaturm eingestiegen. Der Normalweg ist sehr abwechslungsreich, übersteigt zudem nie den dritten Grad. Man geht viel seilfrei oder am laufenden Seil. Nur ganz unten und oben empfiehlt es sich, richtig vom Stand zu sichern. In den letzten Seillängen wurde es dann auch noch mal interessant, weil an geschützten Stellen noch Schnee im Weg war. Außerdem führte die letzte Seillänge durch einen Kamin in der Nordseite, in dem es ziemlich frisch war. Auf dem Gipfel haben wir uns dann über eine wirkliche Jahreserstbegehung gefreut, die wir natürlich im Gipfelbuch verewigt haben. Die Verschlechterung des Wetters ist dann tatsächlich eingetreten und hat uns mit einem kräftigen Schneeschauer vom Berg verabschiedet.

Für den nächsten Tag haben wir überlegt, ob wir noch mal Klettern gehen, z.B. in der schneefreien Südseite des Piz Chiavazzes. Wir haben uns dann aber entschieden, eine Schneeschuhtour durch das Val Lasties auf den Sella-Stock zu unternehmen. Das Wetter war wieder schön, die Sonne schien ungetrübt, mit der Folge, daß es im Schatten beinhart gefroren war, an sonnigen Hängen dagegen schon sehr aufgeweicht. So sind wir dann teils mit Pickel und Steigeisen, später dann durchgängig mit Schneeschuhen das Tal aufgestiegen. An Stellen, wo die Sonne schon seit dem Morgen hingekommen war, sind wir sogar mit den Schneeschuhen tüchtig eingesunken. Es war also teilweise recht mühsam. Entschädigt wurden wir durch die grandiose Szenerie des Val Lasties. Oben sind wir dann über die Hochfläche des Sella-Stocks in Richtung Bamberger Hütte zur Forcella d’Antersass gelaufen, wo man einen atemberaubenden Blick zum Bergerturm und ins Val de Mesdi hat. Letzteres ist um einiges wilder als das Val Lasties, und es führen auch nur versicherte Steige aus ihm auf die Hochfläche.

Eigentlich wollten wir weiter Richtung Pordoi-Joch. Das schien uns dann aber doch zu weit, so daß wir nach einer ausgiebigen Rast wieder abgestiegen sind. Nach einer einsamen Nacht auf dem Zeltplatz sind wir dann wieder nach Hause gefahren. Insgesamt war es eine sehr schöne Tour, auch wenn sie vielleicht nicht völlig dem entspricht, was man vom Winterbergsteigen erwartet. Aber das hängt eben immer von den Verhältnissen ab. Von diesen sind alle bergsportlichen Aktivitäten abhängig, das Winterbergsteigen besonders.

Text: Frank Haney
Bilder: Henrik Schneidewind

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