Bericht einer Schottlandfahrt

Dieser Tage wurde ich gefragt: Bergsteigen in Schottland, geht denn das, sind das nicht nur grüne Hügel? Für den Sommer mag das zutreffen, im Winter dagegen verwandelt sich Schottland in ein erstrangiges, weithin bekanntes Ziel für verschiedene bergsteigerische Aktivitäten. Verantwortlich dafür sind die rauhen, subarktischen Bedingungen. Es gibt viel Schnee, einschließlich der damit verbundenen Lawinengefahr, wozu die starken Winde beitragen. Windgeschwindigkeiten von 60 mph (ca. 100 km/h) und darüber sind keine Seltenheit. Dazu kommen Orientierungsprobleme durch fehlende Sicht und die teilweise große Abgeschiedenheit der Ziele. Die Touren gehen meist auf Seehöhe oder unwesentlich darüber los, so daß trotz der vergleichsweise geringen Höhe der Berge ordentliche Höhenunterschiede und Strecken zurückgelegt werden müssen.

Alle Bilder © Henrik Schneidewind

Die Ernsthaftigkeit von Winteraktivitäten in Schottland zeigt sich auch daran, daß es immer wieder schwere Unfälle und abgängige Bergsteiger gibt. So ist 13.2. eine Seilschaft am Ben Nevis unterhalb des Observatory Gully in einer Lawine verschwunden. Trotz intensiver Suche hat man sie erst am 24.3. nach einer längeren Tauwetterperiode gefunden.
Das bevorzugte Ziel des schottischen Bergsteigens sind die Munros, die 282 Berge über 3000 ft Höhe. Je nach Berg und Verhältnissen kann die Besteigung eine einfache Wanderung oder eine ernsthafte Bergfahrt sein. Da die Berge alle gälische Namen tragen, ist die Aussprache manchmal schwieriger als die Besteigung. Man kann sich die Aussprache zwar von der einschlägigen Webseite (siehe Walkhighlands) vorlesen lassen, ich bezweifle aber, daß der Mitteleuropäer seine inneren Organe ausreichend verknotet bekommt, um die erforderlichen Laute hervorzubringen.

Nachdem wir vor zwei Jahren bei ziemlich normalem schottischen Wetter in den Northern Cairngorms waren, und dabei nur drei Touren zustande gebracht haben, bei denen nicht viel von den Bergen zu sehen war, sollte es dieses Mal anders werden. Und es wurde anders. Als Quartier hatten wir ein Cottage in Ballachulish (siehe die Webseite) am Loch Leven gemietet, etwa 20 km südlich von Fort William. Von dort waren die Ziele in Glencoe, den Mamores und um Fort William gut zu erreichen. Die Lawinenwarnstufe (siehe SAIS) war die ganze Woche 3, also erheblich, besonders für ostseitige Hänge. Das mußten wir bei der Tourenplanung vorrangig berücksichtigen.
Am ersten Tag war noch Regen, Schnee und Sturm. Nach einigem Zögern und der Einsicht, daß es eigentlich kein schlechtes Wetter gibt, wenigstens nicht in Schottland, sind wir dann am Nachmittag auf den Meall a’ Bhùridh (1108 m) gestiegen. Das ist einer der am leichtesten zu habenden Munros, weil man vom Glencoe Ski Centre losläuft und meistens die Lifte als Orientierung hat. Das war der einzige Tag mit wirklich schottischem Wetter.
Danach wurde es immer besser, so daß am Ende 6 Tourentage mit 9 Munros zu Buche standen, darunter der Ben Nevis (1345 m = 4411 ft) über die Càrn Mòr Dearg Arête (“CMD Arête”) und der Ben More, der einzige Munro auf der Isle of Mull, einer der Inneren Hebriden. Dazwischen hatten wir als Ruhetag einen sehr schönen Ausflug auf die Halbinsel Ardnamurchan, den westlichsten Zipfel des British Mainland. Ich will hier nicht jede einzelne Tour Revue passieren lassen – die Bilder sprechen für sich, sondern noch ein paar praktische Tips für Nachahmer geben:

Anreise: Nach den drei schottischen Großstädten (Aberdeen, Edinburgh und Glasgow) gibt es mehrmals täglich Direktflüge von Deutschland. Da kann man sich aussuchen, was am besten paßt. In Schottland sollte man sich dann einen Mietwagen nehmen, weil das Angebot an öffentlichem Verkehr um so dünner wird, je weiter man in die Highlands vordringt. Eine Anreise mit dem eigenen PKW kostet viel Zeit und ist in Summe nicht günstiger.

Unterkunft: Die Hütten des Scottish Mountaineering Club sind keine sinnvolle Option, recht klein und sehr stark gefragt. (Für die CIC Hut unter der Nordostwand des Ben Nevis ist für die Wintersaison die Anmeldung mindestens ein Jahr vorher erforderlich.) Man wird also eines der vielfältig verfügbaren Cottages mieten. Die Cottages bieten meist vier Übernachtungsplätze. (Deswegen und wegen der Notwendigkeit eines Mietwagens ist eine durch vier teilbare Teilnehmerzahl am kostengünstigsten.)

Ausrüstung: Das hängt in starkem Maße von den geplanten Aktivitäten ab. Auf jeden Fall sollte man sich auf maximal garstiges Wetter einstellen. Immer wird man Pickel und Steigeisen mitnehmen, auch für winterliches Hill Walking. Genauso essentiell ist Lawinenausrüstung, also LVS, Schaufel und Sonde. Wichtig ist auch, daß man sich jederzeit orientieren kann. Entsprechende Hilfsmittel (GPS, Karte und Kompaß) und eine entsprechende Vorbereitung gehören zwingend dazu. Ansonsten muß man den Charakter der Tour berücksichtigen und über weitere alpine Ausrüstung befinden.

Die Hebriden: Alle Inseln sind mehr oder weniger gebirgig. Munros gibt es nur auf Mull (1) und Skye (12). Beide Inseln gehören zu den Inneren Hebriden und sind bei einem Aufenthalt in der Gegend von Fort William mit Tagesausflügen erreichbar. Auf Mull gelangt man am besten mit der Fähre von Oban nach Craignure. Von Mull sind dann auch Iona mit der bekannten Abtei und Staffa mit der berühmten Fingal’s Cave erreichbar. Skye ist von Mallaig per Fähre und von Kyle of Lochalsh über eine Brücke erreichbar. The Cuillin auf Skye ist wahrscheinlich die wildeste Gebirgslandschaft Schottlands.

Frank Haney

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